Im Oktober 1929 fand erstmals im Lihn eine Singwoche statt – schon damals nahmen 80 Personen daran teil; die Lihn-Singwoche wird heute in 3. Generation von der Familie Schmid geleitet.

Im Frühling 1923 fand in Finkenstein (damals Sudetendeutschland) die erste Singwoche statt; einige Monate zuvor hatte mein Grossvater, Theo Schmid, das Amt des Jugendsekretärs des Blauen Kreuzes übernommen. 1926 besuchte er eine Singwoche unter der Leitung von Walter Hensel in der Nähe von Ulm. In seinen Erinnerungen schreibt er: «Da erlebte ich eine neue Welt des Singens; diesen übermächtigen Eindruck werde ich nie vergessen. Als ich nach der Singwoche einsam über die schwäbische Alp nach Tübingen wanderte, bewegt mich ständig der Gedanke, wie man das neue, das ich erfahren hatte, in die Schweiz bringen könnte.»

Über Kontakte, welche ihm sein Freund Karl Vötterle (Gründer des bekannten Bärenreiter Verlages) verschaffte, kam eine Gruppe zusammen, welche 1927 und 1928 die ersten beiden Singwochen in der Schweiz organisierte – eine Zweckgemeinschaft, wie sich bald herausstellen sollte: Schulreformer der Schweizer­ischen Pädagogischen Gesellschaft, der Schweizer­­ische Freiwirtschaftsbund und die Gesellschaft für Ernährungsreform. Unter dem Motto: «Finkenstein darf keine Freiwirtschafts- und Vegetariersache werden» (die Rüdlinger Veranstaltungen wurden einmal spöttisch «Nüssli-Salötli-Singwoche» genannt) wurde der Entschluss gefasst, sich von anderen Gruppierungen zu distanzieren und allein die Ziele der von Hensel mitbegründeten Volksliedbewegung aufzunehmen. Dieser Entschluss wurde dadurch erleichtert, dass die Singwoche 1929 unter der Leitung von Adolf Seifert gleich auch das neu erbaute Lihn beziehen konnte.

Der Singwocheneinladung von 1935 können wir entnehmen, dass man bis Mollis reisen soll und das Lihn von dort in anderthalb Stunden zu Fuss erreichbar sei, dass die Singwoche Fr. 40.- im Pritschenlager kostete und dass vor dem Frühstück Turnen und eine Morgenfeier im Programm stand. Zumindest das Turnen wird heute durch den oft bis in die späten Nachtstunden gepflegten Volkstanz mehr als kompensiert!
Wie das Lihn entwickelte sich auch die Singwoche weiter. Mit den Kindern der Hauseltern Bodmer und der 3. Schmid-Generation begann sich die Singwoche als allgemeine Familien-Veranstaltung zu etablieren; inzwischen wurde der Andrang beim Nachwuchs so gross, dass die Kinderplätze beschränkt werden mussten. Inhaltlich ergänzten Instrumentalgruppen und der Volkstanz den Kursinhalt. Dies alles war aber nur möglich, weil auch das Lihn expandierte, das Angebot an Kursräume erweiterte und sich zum modern eingerichteten Kurszentrum wandelte.

Ab 1974 wurde jährlich eine zweite Singwoche angeboten, bis 1980 im Herbst und anschliessend im Sommer. Jahrelang engagierten sich verschiedene Mitglieder der österreichischen Familie Derschmidt im Leiterteam. Die Sommersingwoche wurde etwas später mit einem Kurs in Volksmusik ergänzt.
Das Leiterteam wandelte sich mit der Singwoche. Die meisten Leiter wurden aus der bestehenden Singwochengesellschaft rekrutiert - einige blieben dem Leiterteam lange erhalten, andere zogen sich nach einem Jahr wieder zurück. Der Stamm der Singwochenleiter bildeten immer Mtglieder der Familien Schmid (und die Angeheirateten). Mittlerweilen prägen die Vertreter der 3. Generation (Käthi Lauber Schmid, Nina und Johannes Schmid-Kunz) die Singwochen seit über 25 Jahren.

 

Nach 80 Jahren änderte sich in den Singwochen einiges. Mit Anina Lauber und Andrea Schmid traten die ersten Mitglieder der 4. Schmid-Generation in das Leiterteam ein. Wichtiger war aber der Wechsel der Singwoche von Filzbach/GL nach Quarten/SG. Das Lihn wandelte sich mit der Ausbauphase 2011 zu einem Seminarzentrum, welches weder die nötige Infrastruktur für die Singwoche, noch die wichtigen günstigen Unterkunftsmöglichkeiten für die vielen jugendlichen SingwochenteilnehmerInnen anbieten konnte. So wurden die beiden Singwochen 2011 erstmals im Bildungszentrum Neu-Schönstatt durchgeführt.
Dieser malerisch gelegene Kursort stellte sich für die Singwochen bald als ideal heraus; grosszügige Kursinfrastruktur und ein Hotelangebot für die verschiedensten Bedürfnisse überzeugen die Singwochengäste immer wieder.

Während die Singwochen in Quarten bereits ihr 90-jähriges Bestehen im Auge hat, kommt sie rüstig und dynamisch wie eh und je daher. Motivierte Leiter- und Helferpersönlichkeiten begleiten und unterstützen uns tatkräftig. Inzwischen engagieren sich, je nach Interesse sowie Schul- und Berufsbelastung, auch die vier weiteren Mitglieder der 4. Schmid-Generation im Leitungsteam der Singwochen: Sebastian und Jonathan Lauber, Gian-Luzi und Flurina Schmid.

 

Johannes Schmid-Kunz